Monster im Spiegel: Nein, wirklich, buchstäbliche Monster

Für die meisten, vor allem für diejenigen mit einem Hang zur Selbstverachtung, ist der Blick in den Spiegel keine Erfahrung, die als besonders vergnüglich gilt. Was die meisten Menschen jedoch nicht wissen, ist, dass der Blick in den Spiegel unter den richtigen Bedingungen geradezu erschreckend sein kann.

Viele Halloween-Folklore und Spiele wie „Bloody Mary“ haben uns Einblicke in das erschreckende Potenzial von Spiegeln gegeben, aber ein Artikel, der 2010 in der Zeitschrift Perceptions veröffentlicht wurde, hat diesem schaurigen Aberglauben tatsächlich empirische und wissenschaftliche Glaubwürdigkeit verliehen. In der von Dr. Caputo von der Universität Urbino durchgeführten Studie wurden die Teilnehmer gebeten, zehn Minuten lang bei schwachem Licht in einen Spiegel zu starren. Die Ergebnisse zeigten, dass 66 % der Teilnehmer enorme Verformungen ihres eigenen Gesichts erlebten, 28 % sahen eine unbekannte Person und 48 % sahen fantastische und monströse Wesen.

Artikel wird nach der Anzeige fortgesetzt

Diese überraschenden Ergebnisse werfen die Frage auf: Wie kann der Blick in einen Spiegel dazu führen, dass sich unsere Gesichter in unbekannte und potenziell furchterregende Verformungen verwandeln? Die Antwort liegt in der Vorliebe unseres Gehirns für selektive Verarbeitung. Einfach ausgedrückt: Unser Gehirn kann nur eine bestimmte Menge an Informationen auf einmal verarbeiten. Während Sie diesen Artikel lesen, nehmen Sie wahrscheinlich nicht wahr, wie sich Ihre Kleidung auf der Haut anfühlt, wie Ihr Atem geht oder welche feinen Geräusche Sie umgeben. Ihr Gehirn blendet diese verschiedenen Reize einfach aus, um sich besser auf das konzentrieren zu können, was es für das Wichtigste hält (im Moment sind das diese Worte). Unser Sehsinn funktioniert nicht anders. Wenn wir mit einer Fülle von visuellen Reizen konfrontiert werden, von denen nur einige als relevant angesehen werden, blendet unser Gehirn die nicht relevanten Teile aus.

Dieses Phänomen wird als Troxler-Effekt bezeichnet und wurde vor langer Zeit, im Jahr 1804, von einem Arzt und Philosophen namens Ignaz Troxler entdeckt. Dieser Effekt liegt vielen der optischen Täuschungen zugrunde, die Sie im Internet finden können. Wenn Sie lange genug auf einen roten Punkt in der Mitte eines Kreises starren, verblasst der äußere Kreis plötzlich und verschwindet. Das liegt daran, dass Ihr Gehirn die äußeren Ränder für irrelevant hält und seine Verarbeitungslast verringert, indem es sie einfach aus unserem Wahrnehmungsbereich ausblendet.

Hier ist ein schnelles und beliebtes Beispiel: Versuchen Sie, sich für etwa 20 Sekunden ausschließlich auf den roten Punkt zu konzentrieren.

Maclen Stanley
Quelle: Maclen Stanley

Ähnlich wie bei der geringen Schärfentiefe, die eine Kamera erzeugt, die fest auf ein einzelnes Objekt fokussiert ist, neigt unser Gehirn dazu, Merkmale, die wir nicht direkt anstarren, auszublenden und sie mit den umgebenden Reizen zu vermischen. Wenn man sich entscheidet, über einen längeren Zeitraum in einen Spiegel zu starren, in die eigenen Augen, ist es möglich, dass andere Bereiche des Gesichts beginnen, sich aufzulösen und mit dem Spiegel zu verschmelzen. Das Gesicht kann plötzlich furchterregend aussehen, wenn zum Beispiel die Stirn zu verblassen beginnt oder die Wangen sich zu einem großen, grüblerischen Mund verformen. Mit der Zeit kann sich Ihr gesamtes Gesicht verzerren und in ein schrecklich entstelltes Monstrum verwandeln. Noch schlimmer ist, dass unser Gehirn Dinge, die es nicht erkennen kann, gerne mit Dingen ersetzt, die es erkennen kann – egal, ob diese Dinge beängstigend sind. Ihr unverständlich verzerrtes Gesicht könnte sich in ein Monster verwandeln, das Sie einmal im Fernsehen gesehen haben und das tief in den synaptischen Katakomben des Gedächtnisses eingeschlossen ist.

Artikel wird nach der Anzeige fortgesetzt

Ich habe dieses Experiment selbst ausprobiert und kann bestätigen, dass der Effekt real ist. Obwohl ich nichts besonders Traumatisches gesehen oder erlebt habe, wurde ich dennoch mit spürbaren Verformungen in Form und Farbe entlang der äußeren Ränder meines Gesichts und meiner Augen begrüßt. Meine Augenhöhlen, die von Natur aus schon tief liegen, schienen sich immer weiter in mein Gesicht zu senken und sahen aus wie zwei Mondkrater. Diejenigen, die ein Experiment mit diesem Effekt wagen, möchte ich darauf hinweisen, dass die Erfahrung zwar faszinierend, aber auch äußerst unangenehm sein kann.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.